Jeder Mensch ist gleich wertvoll.
Wir unterstützen Selbstbestimmung und Teilhabe.
Wir geben Schutz, wenn es nötig ist – und Freiheit, wo sie möglich ist.
1. Leitbild und Rechtsrahmen
1.1 Leitbild
Unsere Arbeit beginnt mit einer einfachen Überzeugung: Jeder Mensch ist gleich wertvoll. Dieser Wert hängt nicht davon ab, wie jemand denkt, spricht, sich bewegt oder fühlt.
Wir begleiten Menschen mit Behinderung so, dass sie ein möglichst selbstbestimmtes, sicheres und sinnvolles Leben führen können – mit Unterstützung dort, wo sie notwendig ist, und Freiheit dort, wo sie möglich ist. Wir schaffen Orte, an denen Menschen sich sicher, verstanden, respektiert und zugehörig fühlen. Beziehung, Sprache und Haltung sollen diesen Wert im Alltag sichtbar machen.
1.2 Rechtsrahmen
Unsere Arbeit wird durch zentrale menschenrechtliche und nationale Rechtsgrundlagen bestimmt:
UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) – Selbstbestimmung, Teilhabe, Gleichstellung
HeimAufG – Schutz vor Freiheitsbeschränkung, gelindere Mittel, Dokumentationspflicht
Erwachsenenschutzgesetz (ErwSchG) – unterstützte Entscheidungsfindung statt Stellvertretung
Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) & DSG – Recht auf Privatsphäre und informationelle Selbstbestimmung
Art. 8 EMRK – Achtung des Privat- und Familienlebens
NÖ Behindertengesetz – Teilhabe, Bedarfsgerechtigkeit, Rechte in Wohn- und Betreuungseinrichtungen
Nicht verhandelbare Rechtsprinzipien
Selbstbestimmung – Entscheidungen gehören der Person.
Schutz vor Zwang und Gewalt – Eingriffe nur bei akuter, direkter Gefahr.
Teilhabe – Teilnahme am Gemeinschaftsleben ist ein Recht.
Verhältnismäßigkeit – immer das mildeste wirksame Mittel zuerst.
Privatsphäre und Datenschutz – Daten gehören der Person, nicht der Einrichtung.
2. Berufliches Selbstverständnis und Professionalität
2.1 Grundverständnis unserer Rolle
Wir verstehen uns als Begleiter:innen, nicht als Betreuer:innen.
Wir arbeiten für den Willen der Person, nicht für unsere eigene Vorstellung davon, was „gut wäre“.
Professionelle Begleitung heißt:
Wir unterstützen Entscheidungen, statt sie zu übernehmen.
Wir stärken Fähigkeiten, statt sie abzunehmen.
Wir ergänzen, aber wir ersetzen nicht.
Wir handeln reflektiert, im Team und mit fachlicher Begründung.
Wir bleiben in unserer Rolle – unabhängig von persönlichen Befindlichkeiten.
2.2 Professionelle Dienstleistung
Professionelle Dienstleistung bedeutet für uns:
Wir handeln rechtlich korrekt, ethisch verantwortet, fachlich begründet
Wir sichern Würde, Teilhabe und Sicherheit
Wir nutzen klare Sprache, transparente Entscheidungen, verlässliche Abläufe
Wir prüfen regelmäßig:
„Stärkt mein Tun Selbstbestimmung, Würde und Teilhabe?“
2.3 Grenzen: Wann dürfen wir eingreifen?
Ein Eingriff in die Selbstbestimmung ist nur erlaubt, wenn gleichzeitig:
eine direkte, akute Lebensgefahr besteht
milde Mittel erfolglos oder aussichtslos sind
der Eingriff zeitlich eng begrenzt bleibt
der Eingriff sofort dokumentiert und nachbesprochen wird
Alle anderen Situationen sind pädagogische Situationen, keine Gründe für Zwang.
2.4 Sprache & Auftreten
Wir begegnen Menschen respektvoll und klar.
Wir sprechen so, dass man uns verstehen kann: einfach, strukturiert, ehrlich.
Professionelle Distanz bedeutet: keine Kosenamen, keine Herabsetzung, keine Verniedlichung.
3. Handlungsleitende Prinzipien
Unsere Arbeit wird von fünf Leitlinien getragen:
3.1 Würde und Respekt
Jeder Mensch hat inneren Wert.
Unser Verhalten, unsere Sprache und unsere Entscheidungen müssen diese Würde sichtbar machen.
3.2 Selbstbestimmung ermöglichen
Menschen dürfen „Nein“ sagen, eigene Wege gehen, Fehler machen.
Wir unterstützen Entscheidungen, statt sie zu ersetzen.
Minimum: täglich mindestens zwei echte Wahlmöglichkeiten.
3.3 Schutz und Sicherheit
Schutz ist notwendig, wenn unmittelbare Gefahr besteht.
Vor jedem Eingriff stehen milde Mittel.
Nach jedem Vorfall erfolgt eine Nachbesprechung.
3.4 Verständlichkeit und Beziehung
Wir sprechen klar.
Wir nutzen unterstützte Kommunikation.
Beziehung ist ein Werkzeug – nicht ein Machtmittel.
3.5 Verantwortung und Professionalität
Wir arbeiten im Team.
Wir dokumentieren nachvollziehbar.
Wir reflektieren und entwickeln uns weiter.
4. Heilpädagogische Alltagspraxis
4.1 Grundverständnis
Der Alltag ist der wichtigste Lernort.
Menschen lernen in kleinen Schritten – im Tun, in Beziehung, in Struktur. Pädagogik findet nicht „nebenbei“ statt, sondern im Alltag, im Moment.
4.2 Zentrale Elemente unserer Praxis
Active Support (Anleiten in kleinen, nachvollziehbaren Schritten)
Personenzentrierte Planung
Unterstützte Kommunikation / Leichte Sprache
Unterstützte Entscheidungsfindung
Teilhabe im Gemeinderaum
Low Arousal / deeskalierende Begleitung
Umgang mit herausforderndem Verhalten
Befähigungsorientierung (Befähigung zur selbstbestimmten Navigation des Alltags)
Emotionale und körperliche Selbstregulation
4.3 Pädagogische Fenster im Alltag
Morgenroutine und Start in den Tag
Essen vorbereiten und Haushaltsführung
Einkaufen und Erledigungen
Spaziergänge, Wege in die Gemeinde
Aktivitätsfenster schaffen und fixieren
Tätigkeiten im Wohnumfeld
Abendgestaltung und Übergänge
4.4 Mindeststandards der Praxis
Zwei Wahlhandlungen pro Person pro Dienst
Eine Teilhabehandlung pro Woche
Einfache Sprache / UK in jeder Interaktion
Milde Mittel anwenden vor Eingriffen
Reflexion nach herausfordernden Situationen
Active Support sichtbar im Alltag
4.5 Was wir nicht tun
Erziehen
Bestrafen
Beschämen
Macht ausüben
Aufgaben komplett abnehmen
Intimsphäre oder Datenschutz verletzen
4.6 Wir leben das Normalisierungsprinzip
Trennung Wohnheim und Werkstätte
Trennung der Lebenswelten
Einsicht in die Dokumentation Wohnheim oder Telefonat mit Eltern nur in Notfällen, Dokumentationsaustausch, wenn der/die KlientIn sein Einverständnis gibt, bei Unsicherheit Besprechung bei der Dienstübergabe/Morgenbesprechung.
4.6 Pädagogisches Arbeiten vs Produktivität 30:70
„Produktivität ist bei uns der Rahmen, Pädagogik der Inhalt: Wir erledigen Aufträge nicht nur, um Ergebnisse zu erzielen, sondern nutzen den Arbeitsprozess als wertvollen Raum für Selbstwirksamkeit, individuelles Lernen und gesellschaftliche Teilhabe.“
